Karate

Kihon, was ist das überhaupt? – Versuch einer Standortbestimmung

Exakt ausgerichtete Reihen, die bahnauf, bahnab mit Kiai und grimmigem Gesichtsausdruck sich bemühen, möglichst große Löcher in die Luft zu schlagen und zu treten, der Trainer ermahnt seine Schüler, noch tiefer im Zenkutsu-Dachi zu stehen und auch nach der x-ten Wiederholung noch explosiver zu agieren….

Ein Bild, das sich in tausenden von Dojos weltweit so oder so ähnlich darstellt. Jede und jeder macht das Gleiche und versucht, einer vorgegebenen, stilspezifischen Idealnorm zu entsprechen, ungeachtet von Größe, Alter, Gewicht, persönlichen Handicaps etc. Für Fans von Militärparaden oder gleichartigen Veranstaltungen bestimmt ein erhebender Anblick…

Für Fans von Militärparaden oder gleichartigen Veranstaltungen bestimmt ein erhebender Anblick…

So weit, so gut…oder doch nicht?!?

Dieser Essay behandelt die Funktion von Kihon und davon abgeleitet zehn Punkte, die – nach Meinung des Verfassers – erfüllt sein müssen, damit das Kihon-Training effektiv und effizient ist.

Effektivität in diesem Zusammenhang meint, daß ein bestimmtes Ziel wie z.B. Kampffähigkeit, ob in der Selbstverteidigung ( persönlich ziehe ich den Begriff Selbstschutz vor, da er umfassender ist ) oder im Kumite, durch das Training tatsächlich angesteuert wird.

Effizienz dagegen beinhaltet, daß das Ziel möglichst ökonomisch erreicht wird.

Zur Verdeutlichung lassen sich als Analogie die Begriffe Kompass und Uhr heranziehen. Es hilft nichts, in sehr kurzer Zeit eine bestimmte Strecke zu bewältigen (= Effizienz ), wenn die Richtung falsch ist (= Effektivität ).

Definition:

Die Funktion von Kihon-Training ist es, Techniken modellhaft zu erlernen und in Annäherung an ein biomechanisches Optimum in den Anwendungssystemen des Karate nutzbar zu machen.

Unter Modellsystemen werden hier klassisches Kihon, stilisierte Partnerübungen wie Ippon-, Sanbon-, Gohon-Kumite und Kata verstanden. Ziel dieses Trainings ist es, eine „ perfekte Technik „ ( 100%) nach Stilvorgaben, die darüber hinaus auch identisch reproduzierbar sein soll, zu entwickeln.

Handlungsführende Leitlinie ist eine Formpräzision, d.h., auch die 1000-ste Wiederholung soll identisch mit der ersten sein. Bei der Kata bedeutet das, Ausgangspunkt gleich Endpunkt. Das bedeutet aber auch, daß der Einzelne nie dieses Ziel, die 100%-ige Formpräzision, erreicht bzw. erreichen kann!

Anwendungssysteme dagegen streben in ihrem Training keine 100% an, dazu ist der Kontext in der Selbstverteidigung / Kumite/ Kata-Bunkai zu ungewiß, dynamisch, komplex und permanent in Veränderung begriffen.

Techniken müssen in spezifischen Kontexten trainiert werden und sie müssen nur „ gut genug“ sein, um Wirkung zu erzielen. Statt einer Formpräzision geht es hier um eine Zielpräzision, d.h. auch unter einer suboptimalen Bedingung ( Stress, ungünstige Ausgangsposition etc. ) kann mit einer Technik getroffen und Wirkung erzielt werden.

Die Techniken, die für den Wettkampf trainiert werden, bilden eine unter den gegebenen Wettkampfregeln zahlenmäßig stark reduzierte Auswahl aus dem Gesamtspektrum des Karate.

Gesichtspunkte wie potentielle Gefährlichkeit, gute Sichtbarkeit für die Bewertung durch die Kampfrichter, Zuschauergeschmack ( spektakuläre Techniken werden besonders gut bewertet ) sind Grundlagen der Auswahl.

Komplementär dazu sind die Techniken für den Selbstschutz/ Selbstverteidigung zu sehen.

Faustregel:

Alle verbotenen Techniken im Wettkampf eignen sich für das SV-Training!

An erster Stelle steht also für den einzelnen Karateka die Frage:

„ Wofür will ich Karate trainieren?“

Jemand, der nur für den Wettkampf trainiert, kann nicht erwarten, automatisch auch gut in SV-Situationen zu sein und umgekehrt gilt das Gleiche.

( Falls jemand den Sinn seines Karate-Trainings in der Perfektionierung der Kata sieht, dann sind die nachfolgenden Ausführungen nicht von Bedeutung ).

Die Lösung besteht in einer Spezialisierung auf einer breiten Grundlage. Die Aufgabe des Lehrers ist es, diesen Prozess zu begleiten und individuell die Stärken und besonders geeigneten Techniken zu erarbeiten und nicht alle in eine vorgegebene Schablone zu pressen!

Was soll also im Kihon trainiert werden?

Nach der langen Vorrede hier die zehn Punkte ( die natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben! )

1. Korrekte Bewegungsbahn ( geradlinig, gekrümmt ) mit Einsatz des gesamten Körpers.

Leitfrage: Welche Muskelketten müssen wie eingesetzt werden, damit möglichst viel vonder Körpermasse in die Technik eingeht?

2. Der Auftreffwinkel

Er soll 90° zur Zielfläche sein, um so viel Energie wie möglich zu transferieren.

3. Eindringtiefe der Technik

Der Zielpunkt der Technik liegt im Ziel und nicht vor oder auf dem Ziel. Nach Meinung des Verfassers müssen auch Wettkampf-Karateka erst diesen Punkt erlernen, bevor sie für den Wettkampf wieder „zurückbauen ( sun dome)“. Wird dies nicht zuerst gelernt, werden Illusionen über die Wirksamkeit von Techniken gezüchtet.

4. Distanz

Es gibt für jede Technik eine Optimaldistanz, eine Maximaldistanz, d.h. eine Distanz, innerhalb der ein Karateka ohne Selbstgefährdung noch Wirkung erzielen kann und eine Minimaldistanz, die kürzeste Distanz, in der eine Technik noch sinnvoll ausgeführt werden kann.

Techniken sollten aus allen drei Distanzen trainiert werden, damit sie im dynamischen Geschehen variabel verfügbar sind.

5. Position zum Gegner

Die Position frontal zum Gegner ist die gefährlichste, da dieser alle seine „ Waffen“ nutzen kann. Das bedeutet, daß eine Distanzverkürzung oder auch -verlängerung zum Gegner in Winkeln zur Kampflinie (= direkte Verbindungslinie zwischen beiden Kämpfern am Beginn einer Kampfsituation ) erfolgen muß. Ziel ist es, den „ Blind Spot“ ( periphere Wahrnehmung des Gegners ist eingeschränkt oder nicht mehr vorhanden) an der Seite oder im Rücken des Gegners für den eigenen Angriff zu nutzen.

6. Kraftentfaltung und -übertragung bei nicht optimalen Bedingungen

Durch die unvorhersehbare Dynamik einer SV- bzw. Wettkampfsituation muss auch bei einschränkenden Bedingungen eine wirksame Technik möglich sein.

Merke: Technik muß nicht 100% sein, aber gut genug!

7. Bewegliche Ziele ansteuern

Wie schon erwähnt geht es bei den Anwendungssystemen um Zielpräzision, gerade auch bei beweglichen Zielen. Erschwerend kommt hinzu, daß ein menschlicher Körper als Ziel keine ebenen Flächen wie z.B. ein Schlagpolster aufweist. Trotzdem muß der Karateka ein Gefühl für wirksame Treffer am Körper entwickeln. Der Partner dafür kann kooperativ statisch oder dynamisch / herausfordernd / konträr agieren.

8. Treffer absorbieren lernen

Durch willentliche Exposition gegenüber gegnerischen Treffern lassen sich durch Ausatmung, Muskelspannung, Veränderung des Auftreffwinkels, minimale Distanz- und Positionsänderungen diese neutralisieren. Es geht darum, bei Treffern nicht kampfentscheidend getroffen zu werden.

9. Konditionierung der Impactflächen

Die schönsten Techniken nutzen nichts, wenn die Impactflächen nicht daran gewöhnt sind, den ballistischen Schock beim Auftreffen zu absorbieren. Deshalb müssen die Kontaktstellen zum gegnerischen Körper ( Fäuste, Unterarme, Schienbeine, Füße) als Endstrecke der Kraftübertragung durch Makiwara, Schlagpolster, Sandsack etc. konditioniert werden, um eigene Verletzungen zu vermeiden und Vertrauen in die eigenen Körperwaffen zu entwickeln.

10. Multitasking, speziell der Hände

Eine Hand leitet den gegnerischen Angriff ab / stört z.B. das Gleichgewicht / kontrolliert / checkt / nimmt die gegnerische Sicht, die andere Hand schlägt, stößt, reißt o.ä. Am besten geschieht das nach dem Prinzip der Gleichzeitigkeit, also nicht sequentiell, um die Zeitstruktur zu verkürzen.

Von daher ist auch die Sinnhaftigkeit des Hikite kritisch zu hinterfragen!

Betrachtet man das klassische Kihon-Training unter der Perspektive der vorgestellten zehn Punkte, so sieht der Leser, daß nur Punkt 1 und eventuell noch Punkt 2 abgedeckt werden. Die Frage, die sich bei dem Zeitaufwand für das Kihon-Training herkömmlicher Art stellt, ist, ob bei 2-maligem Training in der Woche es zeitökonomisch sinnvoll ist, auf diese Art zu trainieren.

Eine Integration von Partnertraining, mit oder ohne Hilfsmittel, fördert den Lernprozess, macht den Beteiligten mehr Spaß durch mehr Vielseitigkeit und belässt das Training von Techniken nicht im luftleeren Raum, sondern bezieht die Situationsparameter mit ein, die auch eine kämpferische Situation prägen.

Der vorliegende Essay versteht sich als ein Plädoyer für einen erweiterten Kihon-Begriff. Egal, ob das bevorzugt trainierte Anwendungssystem im Dojo Wettkampf-Kumite oder Selbstschutztraining ist, es gewinnen alle Beteiligen bei der Einbeziehung der vorgestellten Kategorien in ihr Training!

Die Folgerung für das Kihon-Training aus den vorhergehenden Ausführungen:

Soviel Partnertraining wie möglich, Solotraining nur, wenn es nötig ist.

Viel Spaß bei der Umsetzung!

Jürgen Höller


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Jürgen Höller

Stammesältester und Vorturner des Shobushinkai.